Vom Kleinen und Grossen

Die neue Saison vom Ensemble ö! kann als direkte Fortsetzung der Saison 20/21 «Sonnen», betrachtet werden. Sie vertieft das Thema der Milliarden von Welten, die im Einflussgebiet eines Sterns existieren und somit die Wichtigkeit unseres Planeten relativieren.

Die Grösse eines Menschen, also grob gesagt zwischen einem und zwei Metern, ist für uns eine sehr vertraute Masseinheit, mit der im Alltag problemlos umgegangen wird.

Spannend wird es, in Dimensionen vorzudringen, die unsere Vorstellung übersteigen, sei es die Welt der Elementarteilchen oder die Welt der Milliarden von Lichtjahren. Solche Grössen sind heutzutage zwar messbar aber nicht wirklich nachvollziehbar und können deshalb nur abstrakt gedacht werden. Aber genau dieses Unvorstellbare fasziniert uns.

Ebenso faszinierend ist das Wissen darum, dass sowohl ein Atom als auch der gesamte Kosmos, also alles zwischen dem Kleinsten und Grössten, hauptsächlich «leer» ist und die Materie sich nur an kleinen Punkten manifestiert. Ist alles dazwischen nun einfach nichts oder Geist oder Bewusstsein oder gar einfach nur menschliche Illusion? Vom Physikalischen gelangt man also ganz schnell zum Philosophischen und mitten in unsere neue Saison.

Vertikale Klangereignisse sind durch Materie erzeugte Wellen, die sofort unsere Emotion ansprechen. Vom Komponierenden und seinen Interpreten gestaltete Welten. Die «Leere» zwischen zwei Klangereignissen ist nötig, um diese zu verarbeiten und auf sich wirken zu lassen. Und genau diese geheimnisvolle Leere thematisieren wir in dieser Saison.

Eine Vertiefung gilt auch, gerade durch das Vorhandensein dieser enormen Dimensionen, der Relativierung unserer kleinen Erde. Auf ihr hat sich zwar dieses einzigartige Leben entwickelt, in dem die Kunst und die Musik im Besonderen zu einer Lebensnotwendigkeit geworden ist, und dennoch ist sie nur ein kleinster Punkt im Universum.

Ein Schwerpunkt in der Programmierung liegt auf italienischen und französischen, aber auch asiatischen Werken von KomponistInnen wie Tristan Murail, Claude Vivier, Marc-André Dalbavie, Franco Donatoni, Fausto Romitelli, Toshio Hosokawa, Jing Yang und Junghae Lee. Allen gemeinsam ist dabei die grosse Sinnlichkeit ihrer Werke, die die oben angesprochene «Leere» mit emotionalem Inhalt füllen.

Im 4. Programm arbeitet das Ensemble ö! zusammen mit dem Figurentheater VAGABU aus Basel, bestehend aus den Figurenspielern Christian Schuppli und Marius Kob unter der Regie von Christoph Haering. Weiter wird ein ganzes Programm (Konzert Nr. 5) mit Musik, die in der Schweiz entstanden ist, gestaltet. Werke von Alfred Knüsel, Stephanie Haensler und Martin Jaggi, die fürs Ensemble ö! komponiert wurden, treffen auf Werke der Wahlschweizer Jing Yang (China/Schweiz) und Hugo Reis (Portugal/Schweiz).
Daneben sind feste Grössen der zeitgenössischen Musik wie Michael Jarrell, Vladimir Tarnopolski oder Iannis Xenakis programmiert.


Das Kuratorium Ensemble ö! – Zur Transdisziplinarität der Programme

Das Kuratorium besteht aus dem Philosophen und Psychologen Martin Kunz, dem Astrophysiker Ben Moore, dem Journalisten und Schauspieler Curdin Vincenz, der Autorin Ursina Trautmann und David Sontòn Caflisch und bildet eine Art Denkfabrik, die das Saisonthema und die Themen der jeweiligen Programme fundiert aus der Sicht aller anwesenden Disziplinen recherchiert und kommentiert. Grundlage für die Diskussionen bilden dabei die an den Programmen erklingenden Werke und deren Kontext zum aussermusikalischen Titel. Das Resultat der Diskussionen bildet den Stoff für die literarische Gestaltung und Verarbeitung durch Ursina Trautmann.